Der Zauberfaden
Na liebe Kinder, sicherlich
kennt ihr alle die Märchen der Gebrüder Grimm. Vor
vielen Jahren haben die beiden im ganzen Lande Geschichten und
Märchen gesammelt und aufgeschrieben. Einige davon sind
sehr bekannt wie Hänsel und Gretel, Dornröschen
oder der Wolf und die sieben Geisslein. Es gibt aber
auch viele Märchen die mittlerweile fast vergessen sind.
Mir fällt da so eine Geschichte ein die vor langer langer
Zeit passiert ist. Es dreht sich alles um ein verzaubertes Döschen,
den ungeduldigen Hans und das hübsche Mariechen, gebt fein
acht...
Es war einmal eine Witwe, die hatte einen Sohn Namens Hans. Sie
wohnten in einem hübschen kleinen Dorf im Tal der Loire
in einem putzigen Häuschen. Hans war ein schlauer kräftiger
Junge; nur in die Schule ging er nicht so gerne, auch wenn ihm
das Lernen leicht von der Hand ging. Aber er fand das Sitzen
in der Schulbank halt immer so langweilig. Oft sass er einfach
da und träumte vor sich hin. Eines Tages, als er wieder
zum Fenster hinaus schaute, fragte ihn der Lehrer: Sag
mal, Hans, an was hast du eben wieder gedacht? Hans blickte
seinen Lehrer an und da er ein freundlich lächelte sprach
Hans: Ich habe gedacht was ich tue wenn ich endlich einmal
gross bin. Aber Hans, sagte der Lehrer du
hast es doch so schön. Weisst du, wenn du gross bist, dann
kannst du auch nicht alles machen was dir gerade einfällt,
glaub mir.
Tja, Hans war halt immer ein wenig ungeduldig. Wenn es Winter
war und er über den zugefrorenen See schlitterte dachte
er Wenn es doch nur erst Sommer wäre, und ich endlich
wieder baden könnte. Und wenn der Sommer dann da war,
dachte er an den Herbst und daran, das er gerne auf der Dorfwiese
seinen Drachen steigen lassen würde.
Am liebsten spielte Hans mit der Marie. Sie war ein Jahr jünger
als Hans und wohnte mit ihren Eltern ein paar Häuser die
Strasse hinauf. Sie konnte rennen wie ein Junge, und nahm so
schnell nichts übel auch wenn Hans manchmal recht ungeduldig
mit ihr war. Wenn sie ihn dann vergnügt zum spielen abholte,
dachte er sehr oft: Ach, wenn ich doch schon gross wäre,
dann würde ich die Marie nehmen und vom Fleck weg heiraten!
Eines Tages, es war ein warmer Sommernachmittag, war er wieder
lange umhergerannt und lag schliesslich träumend in der
Sonne auf einer wunderschönen Lichtung im nahen Wald. Das
Gras duftete, die Vögel zwitscherten und die Sonne kitzelte
ihn an der Nase - bis er die Augen schloss und sanft einschlummerte.
Da war ihm als rufe jemand seinen Namen, und als er die Augen
öffnete und nach oben blickte, sah er in das freundliche
Gesicht eines alten Mannes. Er lächelte sanft und sprach
zu ihm: Hallo Hans, schau was ich hier habe, in seiner
Hand hielt er ein silbernes Bällchen. Aus einem kleinen
Loch hing ein goldenes Fädchen heraus. Siehst du diesen
Faden? Das ist der Faden deines Lebens. Wenn du willst, dass
dir die Zeit schneller herumgeht, so kannst du einfach an dem
Fädchen ziehen; und wenn du willst das sie so langsam vergeht
wie bei den anderen Menschen, so lass ihn wie er ist. Lass dir
aber raten: ziehe nicht zu oft und zu schnell; schon mit einem
winzigen Stückchen ist eine Stunde herum. Hineinschieben
kannst du den Faden auch nicht mehr, was du herausgezogen hast
fällt ab und vergeht. Nun Hans sag, willst du ihn?
Für den Hans war das gar keine Frage. Er griff begierig
nach dem silbernen Ball: er war ja auch ganz leicht und klein,
aber dennoch fest und ohne Ritzen, wie aus einem Stück.
Nur der goldene Faden hing aus einem kleinen Loch heraus.
Als Hans wieder aufsah war der freundliche alte Mann verschwunden.
Er steckte das Bällchen in seine Tasche und machte sich
auf den Heimweg. Bald zog er das Bällchen wieder heraus
und betrachtete den Faden. Es schien ihm, als krieche er ganz,
ganz langsam heraus, aber länger wurde er dadurch nicht.
Er dachte: Ach wie gerne würde ich daran ziehen, dann
wäre es bestimmt gleich morgen, oder vielleicht könnte
ich ja auch ganz feste ziehen, dann würden Marie und ich
heiraten. Aber dann fiel ihm ein was der freundliche alte
Mann gesagt hatte, und liess es lieber bleiben.
Am anderen Tag in der Schule gab er überhaupt nicht acht.
Das ärgerte den Lehrer und er schimpfte mit ihm. Da konnte
es der Hans nicht mehr lassen: er kramte das Bällchen hervor
und zog ein winziges Stück am Faden - und schon sagte der
Lehrer: So, Kinder nun könnt ihr alle nach Hause
gehen, und Hans bitte pass doch morgen wieder etwas besser auf.
da lachte Hans: Natürlich, versprochen, und
sprang fröhlich in den kleinen Hof vor der Schule.
Nun begann für Hans eine herrliche Zeit, nie mehr langweilte
er sich in der Schule, denn er hatte nun lauter freie Tage. Kaum,
dass die Schule morgens in Sicht kam, zog er ein wenig an seinem
Faden und schon war die Schule wieder aus. In den Ferien tat
er das nicht, sondern streifte durch den Wald und überlegte
sich wann er wohl wieder an seinem Fädchen ziehen könnte;
oder er spielte mit Marie.
Eines Tages jedoch dachte er: Ach wie ist das doch dumm.
Das ewige Ferienleben ist langweilig. Wenn ich schon gross wäre,
oder wenigstens aus der Schule, dann könnte ich ein Handwerk
lernen und auch bald Mariechen heiraten und bräuchte nicht
mehr an meinem Fädchen ziehen. In der Nacht noch zog
er recht tüchtig, und als er am nächsten Morgen aufwachte
ging er bereits in die Lehre bei einem Zimmermann, denn Zimmermann
wollte er schon immer werden, ganz wie sein Vater.
Als er dann als Zimmermann alles gelernt hatte wurde Hans wieder
ungeduldig. Mariechen war für einige Zeit in die Stadt gezogen,
zu ihrer Tante, um dort das Nötige für den Haushalt
zu erlernen. Da war es gut das Hans auch in der Stadt zu arbeiten
hatte und als er mit der wunderschönen Marie eines Mittags
spazierenging fragte er sie: Marie, liebste Marie, willst
du meine Frau werden, auf dass wir für immer zusammen sind?
Ja, Hans waren ihre schlichten Worte. Aber
ein Jahr muss ich noch bei meiner Tante bleiben und lernen, damit
du eine tüchtige Frau bekommst.
In der Nacht konnte Hans nicht schlafen. Ein ganzes Jahr
noch warten, ein ganzes langes Jahr ohne meine Marie. Am
nächsten Morgen jedoch war das Jahr bereits herum. Denn
wieder hatte der ungeduldige Hans an seinem Faden gezogen, und
Marie stand vor ihm und lachte ihn an. Da war der Hans vielleicht
froh!
Doch kurz darauf brachte ihm der Postbote einen Brief, darin
stand, dass er nun zwei Jahre zu den Soldaten müsse. Hans
zeigte den Brief seiner Marie. Sie schaute ihn freundlich an
und sagte: Ach, Hans gräme dich nicht, die beiden
Jahre gehen auch noch herum, und Hans lachte verschmitzt
und sagte: Bestimmt Marie ich denke auch!
Als er dann in der Kaserne war zog er nicht gleich an seinem
Faden; es gefiel ihm schon ganz gut unter all diesen lustigen
Leuten; er dachte auch daran was ihm der freundliche alte Mann
gesagt hatte und hielt eine Weile aus, auch als der Dienst strenger
wurde. Doch nach einiger Zeit erfasste ihn grosse Sehnsucht nach
Marie und er holte das Bällchen hervor und zog an seinem
Faden um bald Urlaub zu bekommen und nach dem Urlaub machte ihm
der Dienst keine Freude mehr. Er zog jeden Morgen ein wenig und
schliesslich auch an den Sonntagen, wenn die Kammeraden vergnügt
miteinander ausgingen. Da war die Soldatenzeit plötzlich
herum wie im Traum, und selbst Marie wunderte sich wie schnell
das gegangen war.
Wieder daheim dachte sich Hans: So schnell werde ich bestimmt
nicht mehr das Bällchen benutzen. Denn schliesslich beginnt
jetzt die schönste Zeit in meinem Leben, und diese Zeit
will ich voll auskosten. Hans blieb seinem Vorsatz dann
auch meistens treu. Nur ab und zu, so vor der Hochzeit, wenn
er gar zu sehr auf den Baugerüsten schwitzte, zog er schon
mal so ein ganz kleines bisschen am Faden. An sich war sein Leben
fast wie das der anderen, und er dachte oft mit Stolz: Wenn
die wüssten was ich mit meinem Bällchen alles kann!
Am Hochzeitstag waren alle sehr fröhlich, und Hans hütete
sich vor jeder Ungeduld, obwohl er es fast nicht erwarten konnte,
bis er seine Marie in das hübsche Haus bringen konnte, dass
er ihr selber gebaut hatte. Beim Festmahl winkte er seiner Mutter
zu, die mit einer Nachbarin am Tisch sass und munter plauderte.
Da merkte er, dass sie ziemlich viele graue Haare bekommen hatte,
und er hatte ein schlechtes Gewissen, weil er so oft an seinem
Faden gezogen hatte. In Zukunft werde ich so selten wie
nur möglich daran ziehen dachte er.
So ging ein paar Monate alles gut, doch als Marie erzählte,
dass sie ein Kind bekommen würden, da war die Ungeduld wieder
sehr gross, und so wurde wieder fleissig am Fädchen gezogen.
Auch als das Kind da war, ging es so: Wenn es schrie oder krank
war, und schliesslich auch damit es endlich sprechen und laufen
könne.
Eine Zeitlang gingen dann die Geschäfte mehr schlecht als
recht, auch sein Bauhandwerk, dass er nun selbstständig
führte. Das konnte Hans nicht lange aushalten, wozu hatte
er schliesslich seinen Wunderfaden?
Endlich wurde alles wieder gut und Hans hütete sich lange
sein Fädchen zu ziehen. Eines Morgens hatte er nämlich
bemerkt, dass es nicht mehr golden herauskam, sondern silbern,
und er ahnte, dass es wohl nun nicht mehr ewig vorhalten konnte.
Marie, seine liebe Marie schenkte ihm noch mehr Kinder; da musste
Hans wieder oft zum Bällchen greifen, besonders als die
Sorgen mit den Kindern grösser wurden. Eines Nachts, als
er wieder einmal lange wach lag dachte er sich: Ach es
wäre doch viel schöner, wenn die Kinder alle gross
wären und gut versorgt, dann hätten Marie und ich endlich
wieder Zeit für unsere Liebe. Da tat er wieder einen
langen Zug am Fädchen, bis alle Kinder aus dem Haus waren.
Doch nun hatte auch er silberne Fädchen auf seinem Kopf
bekommen. Geduld hatte er mit alledem nicht gelernt; wenn ihm
ein Zahn weh tat oder wenn er von den zugigen Baustellen das
Reissen in den Gliedern hatte, mochte er nicht warten sondern
half sich, wie er es halt gewohnt war.
Die meisten Beschwerden konnte er wohl so vertreiben, doch es
kamen immer neue. So viel er auch ziehen mochte an seinem Zauberfädchen,
so wie früher wurde das Leben nicht mehr. Allmählich
wurde ihm sein Handwerk beschwerlich und wenn er auf den Gerüsten
arbeitete taten ihm alle Knochen weh. Und eines Morgen dann,
kam das Fädchen nicht mehr silbern sondern grau. Er sah
im Spiegel, dass seine Haare dünn geworden waren und sein
Gesicht viele Falten bekommen hatte; da sagte er zu sich nun
wollen wir aber langsam machen die Marie und ich. Das war
auch Marie dann recht und sie meinte: Du Hans es wird Zeit
das du dich zur Ruhe setzt. Tja aber dafür war noch
nicht genug Geld da und so musste noch einmal das Fädchen
herhalten.
Nun hatte er endlich seine Ruhe. Gleich am ersten Tag ging er
in den Wald, um sich Gedanken zu machen und frische Luft zu schöpfen.
Die kleinen Tännchen von ehedem waren inzwischen dicke Bäume
geworden, fast fand er die alten Wege seiner Kindheit nicht mehr.
Da setzte er sich auf einer Lichtung auf eine Bank, hörte
die Vögel zwitschern und liess sich von der Sonne die Nase
kitzeln und schlummerte ein wenig.
Un plötzlich hörte er eine Stimme die ihn rief, er
sah auf und vor ihm stand der freundliche alte Herr von ehedem
als er noch ein junger Knabe gewesen war.
Na, Hans, sagte der freundlich, wie ist es
so gegangen? Hast du ein glückliches Leben gehabt?
Ach, ich weiss nicht. Dein Bällchen ist so wunderbar,
ich habe nicht viel warten müssen in meinem Leben; aber
es ist gar so schnell herumgegangen. Das Schöne und Angenehme
kam immer dicht hintereinander, aber immer war ich ungeduldig
und wollte es noch besser haben. Und jetzt bin ich alt und schwach;
am Fädchen ziehen das traue ich mich nicht mehr. Am liebsten
würde ich so lange ziehen bis das Fädchen aufgebraucht
ist. Dein Geschenk hat mir kein Glück gebracht!
Na, Hans das ist aber nun doch recht undankbar. Aber sag
mir doch, wie hätte es denn sein sollen?
Du hättest mir ein Bällchen geben sollen, dessen
Fädchen man zurückschieben kann. Da könnte man
seine Fehler bessermachen, und das Leben ginge auch nicht so
schnell vorbei.
Ha, Ha, Ha, dass geht leider nicht; das erlaubt der liebe
Gott nicht. Na, ja, aber einen Wunsch kann ich dir wohl noch
gewähren, mein verwöhntes Hänschen.
Welchen
Ha, Ha, Ha, am besten denkst du ihn dir wohl selber aus
Hmm, wenn es überhaupt noch möglich ist würde
ich am liebsten mein Leben nochmal leben dürfen, aber ohne
dein Zauberbällchen. Ich würde ja doch nur zuviel daran
ziehen. Ich möchte so leben wie die anderen Menschen. Wenn
es wohl tut, dann tut es wohl, und wenn nicht dann muss man wohl
Geduld haben auch wenn es weh tut.
Der Alte schaute Hans ganz freundlich an: Nun gut Hans,
das kannst du haben. Aber bedenke es wohl. Wenn du das wirklich
willst, dann gib mir jetzt das Bällchen zurück.
Und kaum hatte Hans ihm das Bällchen gereicht, da sank er
in einem tiefen Schlaf.
Als er aufwachte lag er in seinem Bett und seine Mutter sass
bei ihm. Doch sie war nicht alt und grau, sondern jung und hübsch.
Besorgt sah sie ihn an und sagte: Bist du endlich wach,
Hans?
Wo bin ich denn?
In deinem Bett, zu Hause, bei mir. Du hast ein hohes Fieber
gehabt, du warst zu lange im Wald in der Sonne. Dauernd hast
du von einem silbernen Bällchen phantasiert und von deinem
Lebensfaden.
Ja bin ich denn nicht alt und krank?
Aber nein, und krank bist du ja wohl auch nicht mehr.
Da setzte sich Hans in seinem Bett auf und fiel seiner Mutter
um den Hals.
Und Marie, ist sie nicht alt und krank?
Ach, Hans du phantasierst doch wohl nicht schon wieder?
fragte seine Mutter ängstlich. Mariechen sitzt draussen
in der Stube und wartet bis sie dich sehen darf.
Da hielt es Hans nicht länger im Bett. Marie, Marie,
rief er.
Mariechen kam herein und Hans fiel seiner Marie um den Hals.
Mariechen, ich bin wieder ganz gesund und morgen gehen
wir zusammen in die Schule und ich bin überhaupt nicht mehr
ungeduldig, und überhaupt so froh, so froh das du da bist!
Ach Peter, flüsterte Marie, und wischte sich
ein Tränchen aus den Augen.... und Peter fiel ihr um den
Hals. |